Werter Websitebesucher,
In der Süddeutschen Zeitung, einem meiner liebsten Blätter aus dem selbigen Wald, erschien am Montag den 08. ein Artikel zum Thema “Politisches Kabarett” der derart interessante Thesen enthielt, daß ich mich zum Handeln in Form eines Leserbriefes hinreissen liess. Den Artikel sowie die Antwort möchte ich natürlich nicht vorenthalten:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/126/505327/text/
“Dumm zu sein bedarf es wenig” vom 08.03.2010
Der Leserbrief:
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,
als beruflich Betroffener (Kabarettist) begrüße ich die Aussage “Mal, ehrlich, das Kabarett war nie wirklich gut” natürlich nicht, und so zöge ich mich gerne mit einem beleidigten “Mal ehrlich, es wird schon viel Käse geschrieben” in meinen Nonkonformisten-Elfenbeinturm zurück.
Aber die Begründung für dieses Geschmacksurteil ist derart absurd, daß ich gerne dazu Stellung nehmen möchte. Das Maß für gelungenes Kabarett wird hier (wie in anderer Form bereits im Artikel “”Ertrage die Clowns! Aber wie?” vom 03.11.2007) mit der Gefahr der möglichen Sanktionen gegen den Künstler gleichgesetzt. Je gefährlicher, desto gelungener. Und nachdem auch in diesem Artikel u.a. die Nazis herangezogen werden, ist mit Sanktion hier auch das Ableben des Künstlers inbegriffen. Nun liegt die Vermutung nahe, da ist jemand solange an der geistigen Playstation gesessen, daß er Kunstblut nicht mehr von echtem unterscheiden kann. Aber was immer der Grund, es ist ein Ärgernis, und das in zweifacher Hinsicht.
Zum einen:
Ebensowenig wie ich Ärztekritik lesen will von jemandem der einfach alle Folgen der Schwarzwaldklinik gesehen hat, möchte ich die General-Schelte einer Kunstform lesen, die – wenngleich ständig Kunstfehler begehend – ausschliesslich auf dem beruht, was hiervon im Fernsehen gesendet wird. Der Starkbieranstich und der Karneval sind ebenso keine Werkschauen des politischen Kabaretts.
Über die Qualität des gesendeten Kabaretts kann man gerne, viel, und vor allem mit jedem Kabarettisten diskutieren. Es wird sicherlich auch viel Belangloses gezeigt. Aber die Geschmacksausrichtung von TV-Redaktionen den Kabarettisten vor die Füße zu karren, auf den Haufen zu zeigen und zu sagen “Ihr stinkt!” ist so, als würde man sich bei Bruno Ganz darüber beschweren, daß Deutschland nicht schon 1944 kapituliert hat.
Zum anderen:
In der Tat, mangels einer Diktatur – oder wenigstens einer Monarchie – ist das Kabarett nicht die “Weiße Rose” der Künste. Es gibt auch keinen Kabarettisten oder Comedian der das behauptet. Artikel wie dieser suggerieren aber, weil Kabarett u.a. dies nicht ist, wäre der Besuch einer Kabarettveranstaltung gesellschaftskritischer Inzest und tendenziell überflüssig.
Es gibt allerdings gerade “live” viel gutes und auch unterhaltsames Kabarett auf Bühnen zu sehen. Und Unterhaltung ist ein wichtiger Aspekt dieser Kunst. Im Gegensatz zu Applaus, Bildung und Börsenwerten wird jedoch Lachen nicht vorgetäuscht. Georg Schramm, Andreas Rebers, Martin Puntigam, Rainald Grebe, Claus von Wagner u.v.a. schaffen es, eben dieses Lachen mit Inhalten zu verbinden, die zumindest zum gesellschaftlichen Nachdenken anregen. Und das ist gewiss künstlerisch wertvoll und macht dabei auch noch Spaß, sogar ohne anschliessende Inhaftierung des Künstlers.
Denn die Gefahrenlage betreffend gilt: Umgekehrt würde auch ein Schuh daraus. In einer Zeit politisches Kabarett zu machen, in der tendenziell Desinteresse an Politik besteht, ist künstlerisch sicher schwerer, als in einer Gesellschaft, in der jede kritische Äusserung Wellen schlägt. Auch wenn für Leib und Leben ersteres zugegebenermassen leichter ist.
Deshalb möchte ich abschliessend ein Anliegen äussern: Wenn jemand Gefahr vermisst, möge er bitte Freeclimbing, Hai-Tauchen oder Lawinensurfen andenken, anstatt einem der wenigen Reservoirs durchdachter Gesellschaftskritik die Relevanz abzusprechen nur weil die Todesstrafe abgeschafft wurde!
Mit freundlichen Grüßen,
Sven Kemmler
Autor und Kabarettist